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Interview mit Regisseur Othmar Schmiderer
„Man kann sich der Kraft von Tanz und Musik in Afrika nicht
entziehen“
Was hat Sie an den Darstellerinnen und Darstellern aus der Show „Afrika!
Afrika!“ so sehr fasziniert, dass Sie deren Talent und persönliche
Geschichte vor Ort verfolgt haben?
Ich
war zufällig zu Beginn der Proben von „Afrika! Afrika!“
in einer Industriehalle in Mannheim anwesend. 150 Artisten und Artistinnen
aus verschiedenen Ländern Afrikas boten zum ersten Mal ihre Künste
dar. Die Energie, die da frei wurde, war einfach umwerfend. In diesem
Moment ist mir die Idee gekommen, im Rahmen eines Films dem Ursprung dieser
Energie nachzuspüren. Dabei interessierte mich weniger die Show als
vielmehr der Hintergrund und das Umfeld der ArtistInnen in ihrer Heimat.
Wie wurden sie zu dem, was sie heute sind? Unter welchen Bedingungen?
Mich faszinierten die unterschiedlichen Biografien der ausgewählten
ProtagonistInnen und ihre innere Notwendigkeit, mit der sie ihr Ziel verfolgen,
aus dem normalen Leben in Afrika auszubrechen.
Welchen Stellenwert haben Tanz und Musik in der afrikanischen Kultur?
Tanz und Musik haben in Afrika einen extrem hohen Stellenwert
– eigentlich begleiten sie das ganze Leben in all seinen Facetten.
Sie bilden den Rahmen für soziale, kulturelle und religiöse
Anlässe, sind aber gleichermaßen elementarer Bestandteil des
Alltags. Dabei gibt es natürlich nationale und regionale Unterschiede.
Von diesen beiden Formen geht eine unglaubliche Kraft und Intensität
aus. Man kann sich dem nicht entziehen.
Wie oft, in welchem Zeitraum und in welchen Regionen Afrikas waren
Sie mit ihrem Filmteam unterwegs?
Welchen besonderen Herausforderungen sind Sie begegnet?
Wir waren im Zeitraum von einem Jahr in sechs afrikanischen Staaten -
Guinea, Gambia, Äthiopien, Ghana, Senegal, Kongo. Die große
Herausforderung für diesen Film war, den ProtagonistInnen in relativ
kurzer Zeit (sie konnten in den Pausen der Show nur sechs bis neun Tage
in ihre Heimat-Länder) so nahe zu kommen, dass sie sich der Kamera
öffnen konnten und bereit waren, Einblicke in die tiefere Ebene ihres
Wesens und ihres Daseins zu gewähren. Das war nicht immer ohne weiteres
möglich, denn für die Artistinnen und Artisten waren diese Besuche
die Gelegenheit, nach langer Zeit in Europa ihre Familien wieder zu sehen.
Warum portraitieren Sie gerade diese fünf KünstlerInnen?
Unter den vielen ArtistInnen fand ich die Biografien der fünf Personen
im Film ganz einfach am spannendsten. Sie kommen aus unterschiedlichen
Ländern, aus unterschiedlichen Schichten, aus unterschiedlichen Kulturkreisen
und alle haben sie eine ganz besondere Ausstrahlung – alle auf ihre
Weise. In diesen fünf Persönlichkeiten spiegelt sich für
mich das riesige Spektrum afrikanischen Lebens.
Schon in den Vorgesprächen während der Proben für den Zirkus,
war für mich die Auswahl klar. Das spürt man einfach. Und ziemlich
schnell konnte ich zu ihnen eine persönliche Beziehung aufbauen,
noch bevor ich sie in ihre Heimat begleitet habe. Das ist für mich
die Voraussetzung für solch eine Arbeit.
Was fasziniert Sie an dem Kontinent Afrika?
Es ist schwierig, das auf den Punkt zu bringen. Am ehesten lässt
sich das vielleicht an dem Fremden festmachen.
Afrika ist in jeder Hinsicht anders als alles, was ich bisher kennen gelernt
habe. Das ist zwar irritierend, aber zugleich relativiert es die Bedeutung,
die wir Europäer uns selbst, unseren Regeln und Normen, unserer Zivilisation
beimessen. Egal, ob das den Umgang mit Leben und Tod betrifft oder schlicht
und einfach den Umgang mit der Zeit. In Afrika gibt es einen vollkommen
anderen Begriff von der Zeit: keinen linearen wie in Europa, sondern einen
selbstbestimmten, elastischen. Ein Bus beispielsweise fährt nicht
zu einem bestimmten, vorgegebenen Zeitpunkt los, sondern dann, wenn alle
Plätze besetzt sind. Nicht die Uhr, sondern die Anwesenheit von Menschen
bestimmt die Zeit. Oder das Chaos, das in Afrika allgegenwärtig ist.
Mich fasziniert es immer wieder aufs Neue, wie aus scheinbar heillos verworrenen
Situationen letztlich doch eine Lösung hervorgeht, die für alle
Beteiligten funktioniert. Für mich ist das alles nicht zu durchschauen,
ich halte die Menschen in Afrika für Meister der Improvisation.
Die Nähe Ihren ProtagonistInnen gegenüber fällt auf
– wie kamen Sie ihnen, ihren Familien und ihrem Lebensraum so nah?
Ich konnte das Vertrauen der ProtagonistInnen schon während der
Proben für den Zirkus aufbauen. Sie kannten mich vor unseren gemeinsamen
Besuchen in Afrika und wussten genau, worum es mir bei diesem Filmprojekt
geht, was ich zeigen wollte. Sie kannten auch das Team. Der Umgang miteinander
war von großem Respekt und von Achtsamkeit geprägt. Nur innerhalb
eines solchen Rahmens ist eine Filmarbeit mit so einem Thema möglich.
Nur so wird das sichtbar, was aus „back to africa“ spricht.
Ihr Film zeichnet ein anderes Bild von den KünstlerInnen des
Zirkus „Afrika! Afrika!“, als es in der Show zu sehen ist.
Wie stehen Sie zur Kritik an der Art der Zuschaustellung von afrikanischer
Kunst? Was hat diese Show mit dem wirklichen Afrika zu tun?
Eine Show ist eine Show, die ihre eigenen Gesetze hat.
„Afrika! Afrika!“ fokussiert und verdichtet die Kunst und
reißt sie aus ihren Zusammenhängen. Dennoch vermittelt sie
natürlich Ausschnitte und Aspekte, die dem „wirklichen“
Afrika entstammen.
Ein afrikanischer Künstler stellt sich genauso zur Schau wie ein
europäischer Künstler. Das braucht die Kunst, sonst gäbe
es sie nicht. Insofern kann man die Zurschaustellung nicht per se verurteilen
und negativ bewerten.
Allerdings kommt in diesem Fall die historische Dimension dazu –
der Kolonialismus mit all seinen Perversionen im Hinblick auf die Zurschaustellung,
aber auch im Hinblick auf den Umgang mit den Menschen. Das ist eine ziemlich
ambivalente Angelegenheit, und der muss man sich zumindest bewusst sein.
Für mich war gerade diese Ambivalenz einer der Gründe, einen
Film in erster Linie über den Menschen und nicht über den Künstler
zu machen: Was verbirgt sich hinter der Zurschaustellung? Das ist für
mich das eigentlich Spannende.
Sie haben die KünstlerInnen in ihre Heimat begleitet.
Sind die ArtistInnen zu Hause mit ihren künstlerischen
Darstellungen authentischer, als im Zirkuszelt in Europa?
Natürlich habe ich die künstlerischen Darbietungen
in Afrika anders erlebt als in Europa. In Afrika sind diese Darbietungen
Bestandteil des kulturellen Alltags. Sie sind vollkommen selbstverständlich.
Und auch die Beteiligung des Publikums ist natürlich eine ganz andere,
eine viel unmittelbarere, direktere. In Europa dagegen steht die Show
im Mittelpunkt. Tata Dindin bringt es ja im Film auf den Punkt: in Afrika
ist seine Musik Kultur, in Europa Business.
Sie erzählen in ihrem Film von der Einsamkeit
der ArtistInnen während der Vorstellungen in Europa. Ein typisches
Künstlerschicksal?
Natürlich, ein Leben abseits ihrer Familien, ein Hotelleben
in fremden Umgebungen macht ihnen das Leben nicht gerade leicht.
Hat sich die Einstellung der KünstlerInnen zu „Afrika!
Afrika!“ im Lauf der Zeit geändert?
Nein, denn meine ProtagonistInnen wussten von Anfang an, worauf sie sich
einlassen. Eine der ProtagonistInnen sagt es ja auch ganz deutlich: „Wenn
du jeden Tag Reis isst, turnt dich das irgendwann ab“. Das ändert
aber nichts an der Tatsache, dass die KünstlerInnen mit der Show
ihr Geld verdienen und ihren Großfamilien damit eine Existenz sichern.
Das ist keine Selbstverständlichkeit und das wissen sie natürlich
auch.
Der Film beschreibt afrikanische Kultur. Kann man von Afrika überhaupt
als Einheit sprechen? Der Kontinent besteht immerhin aus über fünfzig
Einzelstaaten.
Afrika ist im weiteren Sinn ein Kulturraum, so wie es auch Europa trotz
aller nationalen Unterschiede ist. Da macht es keinen Unterschied, ob
es sich um über 50 oder fast 30 Einzelstaaten handelt. Auch wenn
sich die einzelnen Einheiten dieser Kontinente wesentlich unterscheiden,
verbindet sie auf einer übergeordneten Ebene dennoch eine gemeinsame
Geschichte und eine gemeinsame Kultur.
Wie vermeidet man in einem Film, in dem Tradition und Folklore so
tragende Rollen spielen, das Abdriften in Ethno-Kitsch?
Tradition und Folklore sind ja nicht zwangsläufig
gleichzusetzen mit Kitsch, aber falls Sie in diesem Zusammenhang auf die
gängigen Afrika-Klischees anspielen, dann ist es bei diesem Thema
tatsächlich eine besondere Herausforderung, sich davon eindeutig
abzugrenzen. Ich habe das für mich mit einer möglichst vorurteilsfreien
Annäherung an die mir fremde Kultur versucht zu umgehen. Eine offene,
achtsame Haltung einzunehmen. Erst mal verstehen, dann einordnen...
Politik wird in „back to africa“ nur in wenigen Szenen
explizit angesprochen. Warum?
Es war nie meine Intention, mit „back to africa“ einen explizit
politischen Film zu machen. Viel mehr interessierte mich die außergewöhnliche
Energie dieser Menschen, ihre Lebensgeschichte, ihre Kunst – und
nicht zuletzt die Frage, wie sich diese Aspekte außerhalb des gewohnten
Kulturkreises zeigen. Das ist nicht per se unpolitisch, das geht bei diesem
Thema gar nicht, aber der Fokus ist eben ein ganz anderer.
Im Film beschäftigen Sie sich mit den Themen Afrika, Wandelnde
Arbeitskräfte, Identität und Empowerment.
Waren Ihnen diese Themen schon im Vorfeld bekannt?
Natürlich ist mir das Thema der Migration mit all seinen Facetten
bekannt. Was mir bisher nicht begegnet ist, ist die Migration erfolgreicher
Menschen. Mich hat es gereizt, herauszufinden, inwieweit sich das Schicksal
erfolgreicher MigrantInnen von „üblichen“ MigrantInnen
unterscheidet. Sehr spannend ist, dass sich die Probleme beider Gruppen
– abgesehen vom wirtschaftlichen Aspekt, der ja nicht unwesentlich
ist –, nicht voneinander unterscheiden.
In Ihrem Film zeigen Sie, dass die Kultur Afrikas ein Potential ist,
auf das die ganze Welt sehr stolz sein kann, in das man investieren kann
statt in die Politik, die diesen Kontinent seit Jahren zerstört hat.
Was sind Ihre persönlichen Eindrücke von der politischen Misere
in Afrika?
Ich habe das gravierend erlebt. Das ist an jeder Ecke sicht- und spürbar,
egal ob das die Armut betrifft, den Missbrauch politischer Macht durch
die eigenen Leute, die seit Jahrhunderten gelernte Opferhaltung oder die
in jüngster Zeit neokolonialistischen Machenschaften z. B. durch
die Chinesen. Das alles vor Ort mit eigenen Augen zu sehen und zu erleben,
hat in vielen Situationen das Gefühl der Resignation in mir hervorgerufen.
Aber zum Glück gibt es in Afrika Leute wie Tata Dindin in meinem
Film, der mit seiner Kunst diesen negativen Tatsachen positiv begegnet,
Kraftvolles entgegensetzt und damit sicherlich auch Veränderungen
bewirkt.
Wie würden Sie die Kernbotschaft des Filmes beschreiben, gerade
im Hinblick darauf, dass er der Eröffnungsfilm der Diagonale 2008
ist?
Mir geht es in diesem Film um eine Annäherung an eine
uns fremde Kultur, eine Kultur, von der wir Europäer sehr viel lernen
könnten – wenn wir es zulassen würden. Und gleichzeitig
war es mir ein Anliegen, all den Negativbildern von Afrika ein positives
entgegenzustellen. Ich halte es für wichtig, dass Vorurteile abgebaut,
dass fremde Kulturen differenzierter wahrgenommen und dass ernsthafte
Auseinandersetzungen geführt werden.
Und das bedeutet eben auch, sich selbst und seine eigene Kultur in Frage
zu stellen. Das ist gerade für Österreich, einem Land, in dem
mit AfrikanerInnen ein sehr zweifelhafter Umgang gepflegt wird, eine Botschaft,
die hoffentlich in dem einen oder anderen Herzen ankommt.
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