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faz.net, 15.8.2008
Eine Sehnsuchtsmetapher
Der Show „Afrika! Afrika!“ wünschte diese Zeitung, sie möge verschreibungspflichtig werden, so gewinnend sei das Spektakel. „Back to Africa“, Othmar Schmiderers famoser Dokumentarfilm über fünf beteiligte Artisten, sollte fortan als Reha-Maßnahme verordnet werden: als Sinnbild für hart arbeitende, die Differenzen zwischen den Kontinenten durchdeklinierende Migranten, die es im scheinbar verheißungsvollen Europa zu etwas gebracht haben. Allerdings um den Preis, in einer Manege eine „Afrika“-Synthese zu produzieren, die mit den Künsten ihrer Heimatländer nur am Rand zu tun hat. Zwischen den Auftritten in wechselnden Städten haben die Artisten wenige Tage Urlaub, um ihre Familien in den Heimatländern zu besuchen - über ein Jahr begleitete Schmiderer fünf von ihnen nach Gambia, Ghana, Guinea, den Kongo und Senegal.
Tänzerin Mingue Diagne Sonko, als berufstätige Mutter Inbegriff weiblicher Emanzipation, unterrichtet in einer senegalesischen Ballettschule. Der Ghanaer Dickson versucht aus seiner Tochter eine ebenbürtige Artistin zu machen. Ernähren die Künstler mit ihren Gagen auch ganze Familien, verströmen Willenskraft, Kreativität, kritischen Geist - der Erfolg, der sie nur scheinbar von Bootsflüchtlingen unterscheidet, hat ihr Gefühl von „Fremde“ in Europa nicht getilgt. „Man ist frei“, sagt Mingue einmal über ihre Heimat, ein Statement, das ihre Kollegen unterschreiben würden.
Eine Kurstätte für an Europa Ermüdete
Als Dickson seiner Familie Videoausschnitte aus „Afrika! Afrika!“ vorführt, blitzt „Was soll das?“ über die Gesichter. Ebraima, Virtuose auf seinem Saiteninstrument, ein stiller Analytiker, ahnt: „Wenn man lange in Europa ist, kann man viel von seiner Seele als Afrikaner verlieren.“ Das Bild, das ihn später, zurück aus Gambia, einsam im gläsernen Bauch des Berliner Hauptbahnhofs zeigt, ist nur eines von vielen, die „Migration“ und ihre abgründigen Erschwernisse in eine filmisch selten genutzte Perspektive stellen. Auch wenn Othmar Schmiderer keinen „politischen“ Film machen wollte: So gering die Rolle des Kontinents Europa auch ist, die er in „Back to Africa“ spielt, erschien er selten unwirklicher angesichts der Künstlerrealitäten.
Und so wird einmal nicht „der Migrant“, seine Motivation und sein Tun hinterfragt. In seinem Film verzichtet Schmiderer auf die Reproduktion klischeehafter Bilder, die Reportagen aus afrikanischen Ländern oft zu einem absehbaren Klageruf und pseudoexotischen Spektakel machen. Ausgerechnet „Back to Africa“ wird zur Sehnsuchtsmetapher. Europa ist sehr weit weg in den Heimatländern der zurückgekehrten Artisten. Sie tanken auf. Als seien ihre afrikanischen Heimatländer Kurstätten für an Europa Ermüdete. Auch diese Perspektive macht Schmiderers Film groß.
Leonie Wild |