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Othmar Schmiderers „back to africa“


Für Mingue Sonko ist Europa der Platz, an dem sie das Einkommen für sich und ihre Großfamilie erarbeitet.
Hier aber, erklärt sie lächelnd dem Filmemacher und dem Publikum, hier ist ein ganz anderer Platz, hier ist ihre Quelle. Hier, das ist der Senegal, einer der Drehorte von „back to africa“. Europa ist weit, es ist der Ort, wo Mingue als Tänzerin in André Hellers Zirkus-Show „Afrika! Afrika!“ auftritt. Aber wer sind die Menschen, die die ProtagonistInnen der Show sind und deren Erfolg ausmachen? Der Regisseur Othmar Schmiderer begibt sich in „back to africa“ auf die Suche nach der anderen, der unbekannten Seite von „Afrika! Afrika!“. Ein Jahr lang begleitete Schmiderer fünf Künstlerinnen und Künstler aus dem Ensemble, verfolgte ihre Proben, Plaudereien, Auftritte, vor allem aber: ihre Reisen nach Hause, nach Afrika, zur Familie, zur Quelle. Dabei zeigt sich:
Afrika hat mehr als nur eine Seite, und Europa genauso.

Georges Momboye zum Beispiel, in seiner Heimat wie in Europa bekannter Tänzer und Choreograf, verließ die Elfenbeinküste schon vor fünfzehn Jahren, ging nach Paris und baute dort seine eigene Kompanie auf, er gastierte erfolgreich auf zahlreichen Tanztheaterfestivals, unter anderem auch in Österreich. Heute choreografiert er die Tanzszenen in „Afrika! Afrika!“. Für ihn, sagt er, zeigt die Show das Afrika von Morgen, ein Afrika, das so ist wie er selbst: selbstbewusst, selbstbestimmt, frei.

Tata Dindin, Musiker aus Gambia, sieht das ganz anders. In Europa, sagt er, geht es doch immer nur ums Geschäft. So ist der Heller’sche Zirkus vor allem ein lukrativer Job für Dindin, den sie zu Hause den Jimi Hendrix der Kora nennen, weil er die alte westafrikanische Harfe spielt wie kein zweiter. Im Zirkus spielt er sie auf klassische Weise virtuos, und singt dazu in seiner Sprache: „Man kann Geld haben und kein gutes Herz. Ein gutes Herz kommt von Gott, niemand kann es kaufen.“ Ob das Publikum der Show ihn versteht, ist dabei allerdings fraglich. In Europa verliert Tata Dindin seine Sicherheit, seine Mitte. In Afrika dagegen, sagt er, ist Musik nicht Geschäft, sondern Alltag, keine Ware, sondern ein Teil des Lebens, ganz selbstverständlich.

Eben diesen Alltag fasst „back to africa“ auf äußerst behutsame, intime Weise ins Bild. Wo die Kamera auch hinkommt, ob in Gambia, Senegal oder in Ghana, die Musik ist schon da. Etwa wenn Dickson Oppong, der „Waterman“ von „Afrika! Afrika!“, nach Hause kommt, nach Ghana, und dort von seiner Großfamilie empfangen wird, deren Gesang schon von weitem zu hören ist – und auch während der nächsten Stunden nicht aufhört. Oder wenn Tata Dindin, der Kora-Spieler, seinen Leuten jene Instrumente vorführt, die er aus Europa mitgebracht hat, um eine Musikschule zu gründen. Die Musik prägt „back to africa“ mehr als alles andere, wird zu einem tragenden Element, als Rhythmusgeberin, aber auch als Sinnstifterin. Wo die Musik Alltag ist, erzählt sie immer auch vom Leben. Einem Leben, von dem zu viele Europäer zu wenig wissen. „back to africa“ erzählt von diesem Leben, von Ängsten, von Lebenskultur und von Hoffnung.

All das macht „back to africa“ zu einem politischen Film – auch wenn konkrete Gesellschafts- oder Parteipolitik und die zum Teil abenteuerlichen (Emigrations-) Geschichten seiner ProtagonistInnen nicht im Vordergrund des Films stehen, sondern immer wieder, quasi nebenbei, in die Erzählungen eingeflochten sind. Othmar Schmiderer weiß sehr genau, dass er Geschichten wie die von Dickson Oppong, Tata Dindin oder Mingue Sonko nicht lückenlos erzählen könnte, und auch gar nicht lückenlos erzählen muss. Weil auch so sehr viel, nämlich das Wesentliche klar wird: Die Dinge haben mehr als nur eine Seite.

„back to africa“ ist ein intimer, politischer – und ein opulenter Film. In kunstvoll komponierten Bildern zeigt er, zum fesselnden und allgegenwärtigen afrikanischen Sound of Music, das farbenprächtige und fröhliche ebenso wie das graue Afrika. Denn Afrika, auch das macht dieser Film sehr deutlich, ist beileibe keine homogene Einheit; kein dunkler, aber auch kein heller Kontinent, sondern alles dazwischen. Afrika heißt Vielfalt. Afrika ist zu viel, als dass es sich in einem Film fassen ließe. Was die Leistung von „back to africa“ nur umso erstaunlicher macht.

Sebastian Hofer