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Diagonale 2008

Zur Einübung eines unvoreingenommenen Blicks.
Ein Plädoyer.

von Birgit Flos

Der Dokumentartilm back to africa von Othmar Schmiderer erlaubt außergewöhnliche Einblicke in das Leben von vier Künstlern und einer Künstlerin auf ihren Reisen in ihre Heimatländer in Afrika.

Ebraima Tata Dindin Jobateth ist Musiker, Koraspieler, Sänger Das Instrument und die Virtuosen, die es spielen, sind in kulturellen, lebensgeschichtlichen Riten und Traditionen verankert, die weit über die Performance hinausgehen, fÜr die der Musiker sich in Europa einsetzen lässt. Ebraima Tata Dindin Jobateth ist mit seiner Musik und seinen Texten eine spirituelle Leitfigur Festliche Zusammenkünfte, die er durch seine Präsenz bereichert, werden durch ihn zu einem identitätsstiftenden Ereignis für dle jeweilige Gemeinschaft der versammelten Menschen In dieser seiner Rolle führt er auch durch den Film. Er ist der einzige, der am Anfang allein durch eine sonst menschenleere sandige und licht bewachsene Gegend geht, (sonst sind die Straßen und Plätze immer voller Menschen) - ein offenbar ,,heiligef' Ort ,,Sanneh Mentereng", er grüßt zunächst den Spirit des Terrains und schafft die Verbindung zu einer tiefer liegenden Tradition. Diese besondere Kraft ist durch den Film hindurch mit ihm assoziiert (und dazu die besonderen Konf likte, die eine ,,Säkularisierung" dieser Rolle auf internationalen Bühnen mit sich bringen)

Georges Moboye, der Tänzer, Choreograph, spiritus rector der afrikanischen Künstlerlnnen in Europa, hat die schwierige und auch kontroverslelle Aufgabe, aus dem überreichen ,,Angebot" an großartigen Talenten, bei Castings (in Scheunen, Hallen, an der Straßenecke, auf dem Dorfplatz) die KÜnstlerlnnen auszuwählen, die nicht nur die Virtuosität und das Charisma für einen großen Auftritt haben, sondern den schwierigen Job auch psychisch bewältigen werden, ,,afrikanische Kultul' in einem Kontext vorzustellen, der ganz eigene und festgefahrenere Vorstellungen von ,,typischer" spektakulärer afrikanischer Vielfalt hat, als sie vor Ort selbst gelebt und erfahren wird.

Makaya Dimbelolo der ,,Verwindungsvirtuose" hat bei seinem ,,Akt" die Aura der Voodoo-Magie um sich Er stellt seine den Bedingungen des menschlichen Körpers entgegenlaufenden contortions aus, ein überschlanker Hungerkünstler im kafkaschen Sinn, der den Entbehrungen und Leiden seiner Glieder in Europa Show-Werte für zahlende Gäste abringt. Er ist außerdem ein gewiefter Geschäftsmann mit brillanten ldeen, dazu mit einer scharfen liebenswürdigen Selbstironie ausgestattet, mit der er die Drlnglichkeit seiner Flucht- und Arbeitsbewegungen quer über den afrikanischen Kontinent bis zum Arbeitsplatz Europa erzählt. Auch Dickson Opong, der ernsthafte Arbeiter aus der Vaudeville-Familie, der Feuer- und Schwertschluckel hat sich eine Fertigkeit antrainiert (und versucht sie an seine Tochter in harten Ubungsstunden weiter zu geben), die den Vorstel lungen eines happy-go-lucky,,Waterman's"- immer lächelnd und bestgelaunt lustig - entsprechen. Wenn er in einer Einstellung mit seinem Equipment über die Hohenzollerbrücke in Köln geht, wirkt er erschöpft und sehr ernsthaft, wie gerade angekommen mit seinem mobilen Hab und Gut.

Mingue Diagne Sonko, die Tänzerin, arbeitet in strenger Selbstdisziplin an der Perfektionierung ihrer Darbietung, sie strebt eine internationale Starkarriere an, die ihr aber gleichzeitig gestatten sollte, das Familienleben mit Mann und Sohn in der Heimat möglichst unbeschadet aufrecht zu erhalten.

Das alles ist im Film zu sehen und zu erfahren! Das Publikum hat die einmalige Gelegenheit, sich auf einige Teileindrücke der Lebenszusammenhänge in diesem großen Kontinent einzulassen, mit offenen Augen, offenen Ohren und allen sonstigen Sinnen. Das bedeutet auch, vorsichtige Vergleiche zu ziehen: was bewegt die Menschen dort, wenn sie Musik hören, wie sind Musikmachen, Musikhören, Tanzen, Bewegungen mit dem Leben verbunden, mit den je eigenen Selbstbildern und Erwartungshaltungen. Was bedeutet es, wenn Mingue Diagne Sonko sagt, in ihrer Stadt fühlt sie sich ,,frei", fühlen sich die Menschen ,,frei", sich so zu geben, wie sie für sich entscheiden hat. Hat der Begriff ,,frei" in diesem Kontext die gleiche Bedeutung, die ihm aus europäischer Sicht übergestülpt wird? Könnte dieses ,,frei" nicht auch bedeuten, dass sie sich so verhalten kann, wie sie möchte, ohne sofort nach Wahrnehmungs-Klischees eingeordnet zu werden (wie in Europa?).

Dem Film ist zum Beispiel, bei aller Bewunderung, freundlich vorgeworfen worden, dass er das Klischee bedient, dass ..schwarze Menschen" die Musik im Blut haben Das ist eine geradezu schwinde erregende Umkehrung von festgezurrten Vorurteilen, die dann bequem abrufbar sind, wenn es zunächst darum ginge ,,neu" zu sehen und andere Erfahrungen zumindest zu versuchen. Allein der Unterschiedes unterschiedlichen Publikumsverhaltens sollte eine neue Sichtweisermöglichen helfen Die verbale Gebrauchsanweisung wird dazu noch klar formuliert. In Afrika gehören die Produktion und Rezeption von Musik zur Kultur, in Europa eher zum Kommerz.

Der wahre Kern von einer Klischeewahrnehmung wäre zu hinterfragen und als Ermächtigung einzusetzen. lst es nicht möglich, dass gerade die Musikkultur, die auch von Künstlern wie Ebraima Tata Dindin Jobateh vertreten wird, eine essentiell ,mandere Rolle im Leben der Menschen spielt? Das alte Klischee ist nur ein kontrollierendes Ordnungsprinzip in der gewollten Wahrnehmung des immer Gleichen.

Auf einer Website ist folgendes zum Film in Hinsicht seines Vermittlungspotentials für den Unterricht zu lesen:

,,ln Othmar Schmiderers (zuletzt lm toten Winkel - Hitlers Sekretärin\ Film erhalten dle Zuseher/innen Einblick in die meist
äußerst bescheidenen Lebensverhältnisse afrikanischer Großfamilien und erfahren über deren starken Zusammenhalt. Die iraditionelle afrikanische Musik, z B. Tatas Spiel auf seinem Instrument, der Kora, die mitreißenden Trommel-Rhythmen und die Tanz-Einlagen vermittel n Ausschnitte der ku lturellen Vielfa lt Afrikas. Zu Beginn fällt es allerdingschwer, die Protagonist/innen auseinander zu halten; ihre Namen erfährt man erst am Schluss. Aufgrund dramaturgischer und gestalterischer Schwächen sowie der Vermittlung von zwar vielleicht positiven aber nichtsdestoweniger trotzdem Klischees (2.8. ,Alles ist bunt und fröhlich.') allerdings nur annehmbar als Dokumentarfilm ab 12 Jahren."

Auf einer Diagonale, die sich unter anderem zur kulturpolitischen Herzensaufgabe gemacht hat, für die schulische Ermächtigung zur Medienkompetenz zu plädieren, schmerzt eine solche Bewertung natürlich ganz besonders. FILME SEHEN LERNEN bedeutet im Fall von back to africa gerade zu versuchen, an versteinerten Klischees zu arbeiten. Was ist ein Klischee, was ist der Kern, was der Wahrheitsgehalt einer automatischen Zuordnung Wie ist dieser Kern gegebenenfalls anders zu deuten? Das wären sehr spannende Themenvorgaben, die gerade dieser Film auslösen könnte. Welche Bild- und Erfahrungsargumente im Film widersprechen der oberflächlichen Zuschreibung ,,alles ist bunt und fröhlich". Was sind ..meist äußerst bescheidene Lebensverhältnisse", von welchen Standards wird hier ausgegangen In weiten Teilen arbeiten der Film mit einem fast neorealistischen Credo (formuliert von Cesare Zavattlni), das ich hier nur sinngemäß und nicht wörtlich wiedergebe: Man sollte die Kamera an einer Straßenecke aufstellen und so versuchen, das Leben einzufangen. lst in der Seherfahrung dieses Films nicht gerade diese Offenheit in beispielhafter Weise möglich? Die Augen schweifen in den weiten Einstellungen, die so oft viele Menschen auf der Straßen, auf Plätzen, am Ufer des Flusses in ihren ,,Alltagsbewegungen" zeigen. Man könnte genaue Bildbeschreibungen versuchen: Was sehe ich? Was kann ich sehen? Beim ersten, beim zweiten schon intensiveren und geschulteren (l) Blick. lch denke auch an Tim Sharps wunderbare dokumentarische Etüde lhe Green Bag (Diagonale 07), bei der die Kamera aus einer fixen Perspektive Straßenleben beobachtet wie in einer Beobachtungsvorgabe von lrving Goffman. Wie bewegt sich das Leben der Menschen in dieser Stadt, auf dieser Straße Und so ist es auch hier - und natürlich anders und narrativer - zum Teil von einer unglaublichen Schönheit der Kameraeinstellungen. Haben sie den Eselskarren gesehen, der wie choreographiert die Bewegungsvektoren der Hauptachse auf der Straße im Abendlicht quert? Warum sollte der Blick eingeengt auf das Abchecken europäischer Wohnstandards eingeengt werden?

Von dem Moment an, in dem ich mich entschlossen habe, mir für Diagonale diesen wunderbaren Film für Afrika von den Produzenten (Langbein & Skalnik Media (AT), Rommel Film (DE), WDR, ORF, ARTE) und von Othmar Schmiderer, dem Regisseur, als Eröffnungsfilm zu wünschen, argumentiere ich gegen vergröbernde Einvernehmungsversuche, die natürlich marktstrategisch begründet sind, aber das macht sie nicht berechtigter. tm Gegenteil. Strategien wären zu überlegen, die mit den Inhalten, die dieser Film bearbeitet, zum Sehen und eventuell zum besser Verstehen zu verführen versuchen. Natürlich wäre es toll, wenn der Film die Besucherlnnenstatistiken der Show Afrika! Afrika! aufweisen würde. Aber die Bewerbung dieses Zuschauerlnnen- Marktsegments wäre doch nur zielführend, wenn der Film gerade als Gegengewicht, als Korrektiv und als lustvolle Aufklärung und Erweiterung und natürlich als völlig eigenständiger, autonomer Filmtext angepriesen würde.

Stattdessen werden für,,Multiplikatorlnnen" unter anderem Begleitveranstaltungen zur besseren Vermittlung angeboten: Die Trommelschnupperkurse sind hierbei allerdings der absolute Tiefstand!

Versuchen Sie, diesem Film mit wacher Wahrnehmung gerecht zu werden. Genießen Sie diesen Film, versuchen Sie einen anderen neuen Blick auf die Menschen, denen sie in diesem Film begegnen. I will sing for Africa today.

Birgit Flos, Filmvermitterin, ist seit 2004 Intendantin der DIAGONALE