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DerStandard 31.03.2008
Land und Leute hinter der Zurschaustellung in einer EthnoShow: Othmar
Schmiderers Dokumentarfilm "Back to Africa".
Nähe, Vertrauen, Vertrautheit: Grundsäulen
Die Diagonale eröffnet mit Othmar Schmiderers Film "Back to
Africa": Ein Portrait André Hellers "Afrika, Afrika!"
in der Heimat der Protagonisten – Othmar Schmiderer im Interview
mit Claus Philipp
Standard: Ihr Film kreist um fünf Künstler/Artisten
aus André Hellers Zirkusprojekt "Afrika, Afrika!" Da
Sie schon mehrfach mit Heller gemeinsam Filme gemacht haben, etwa "Im
toten Winkel" über Hitlers Sekretärin Traudl Junge, hier
natürlich gleich die Frage: War "Back to Africa" ursprünglich
als gemeinsames Projekt geplant?
Schmiderer: Nein. Aber Heller ermöglichte mir den Zugang zum Zirkus
und gab mir den Vorzug gegenüber anderen Produktionen, die ebenfalls
an einem ähnlichen Stoff interessiert waren.
Standard: Wie stehen Sie persönlich der Show-Inszenierung
"Afrika, Afrika!" gegenüber?
Schmiderer: Ich hatte einen relativ guten Einblick in die Entstehungsgeschichte
dieser Show, da ich zu diesem Zeitpunkt gerade an einem Porträt über
Heller arbeitete. Mitunter war mein Verhältnis zu der Show ein durchaus
ambivalentes. Eine Show ist eine Show und die hat ihre eigenen Gesetze
– das ist nicht unbedingt meines. Aber wie Heller und sein Team
aus dem Chaos unterschiedlichster Menschen mit ihren jeweiligen Darbietungen
nach nur sechs Wochen Proben letztendlich die Show inszenierten und auf
die Bühne zauberten, das war sehr beeindruckend. Bei allen Bedenken:
Ich konnte mich diesem Feuerwerk an energetischen Entäußerungen
nicht entziehen. Das war für mich auch der zündende Funke für
meinen Film.
Standard: Im Film zeigen Sie ja Details aus dem Heimatumfeld
der Artisten. Lebensumstände, die in der Show gegenüber einem
gewissen Erlebnispark-Afrika-Feeling zurücktraten. Wie sehr mussten
Sie selbst daran und an sich selbst arbeiten, um einen touristischen Blick
zu vermeiden?
Schmiderer: Das hat was mit meinem Selbstverständnis als Dokumentarfilmer
zu tun. Ich weiß gar nicht, ob man sich das erarbeiten kann. Respekt
vor dem Fremden, ein Höchstmaß an Achtung gegenüber der
anderen Kultur und den Menschen, vor allem aber bedingungsloses Einlassen
auf die Situationen, wie sie sich vor Ort ergeben. Wenn ich mit konkreten
Erwartungen nach Afrika gefahren wäre, welche Bilder und Szenen ich
haben möchte, also selbst schon ein Bild im Kopf gehabt hätte,
dann wäre mein Film wahrscheinlich ein ganz anderer geworden.
Standard: Wie sehr waren dabei Ihre Protagonisten gewissermaßen
Ihre "Reiseführer"?
Schmiderer: Nur sehr bedingt. Sie gaben gewisse Örtlichkeiten vor,
aber wir hatten kein Programm. Weder die Protagonisten noch wir wussten
in den meisten Fällen, was geschehen oder wie etwas ablaufen wird.
Das Unvorhersehbare, besondere Augenblicke, Momente des Daseins, Zwischenräume
– das ist für mich das Spannende am dokumentarischen Arbeiten.
Standard: War eigentlich die zuletzt im "Spiegel"
kritisierte Art der Bezahlung und der Verträge der Artisten bei den
Dreharbeiten je ein Thema?
Schmiderer: Ich habe mit dem Zirkus nichts zu tun und weiß nicht
worauf sich der Spiegel im Konkreten bezieht. Ich hatte auch keinen Einblick
in die Produktionsstruktur der Show, mir ging es um meinen Film und vor
allem um Afrika. Mein Eindruck war nie, dass die Artisten schlecht bezahlt
würden, zumindest nicht die, mit denen ich zu tun hatte.
Standard: Sind diese Menschen nicht doch auch "One Trick
Ponys", die – wie im Zirkus durchaus üblich – "vorgeführt"
werden?
Schmiderer: Eine Show ist eine Show. Das kann man vielleicht so sehen,
aber für mich kann man eine solche "Zurschaustellung" nicht
per se verurteilen und negativ bewerten. Ein afrikanischer Künstler
stellt sich genau so zur Schau oder wird "vorgeführt" wie
ein europäischer. Das braucht die Kunst in gewisser Weise, sonst
gäbe es sie nicht. Allerdings kommt in diesem Fall eine historische
Dimension dazu – der Kolonialismus mit all seinen Perversionen im
Hinblick auf die Zurschaustellung, aber auch im Hinblick auf den Umgang
mit den Menschen. Das ist, wie schon gesagt, eine ziemlich ambivalente
Angelegenheit. Der muss man sich zumindest bewusst sein. Für mich
war gerade diese Ambivalenz einer der Gründe, einen Film in erster
Linie über die Menschen und nicht über die Künstler zu
machen. Was verbirgt sich hinter den zur Schau Gestellten? Das interessiert
mich viel mehr.
Standard: Gab es eine Begebenheit beim Dreh, die Sie für
besonders bezeichnend für den Film halten?
Schmiderer: Es gibt ziemlich am Ende des Films eine Szene mit Tata Dindin
und seiner Frau, in der er über den Abschied von seiner Familie spricht.
Die Kamera bleibt lange auf ihm drauf – sehr lange – trotz
des hochemotionalen, fast intimen Moments. Dennoch hat diese Szene nichts
Peinliches oder gar Voyeuristisches. Sie gehört wie selbstverständlich
dazu. Für mich offenbaren sich hier Nähe, Vertrautheit und Vertrauen
– die Grundsäulen meines Arbeitens.
Standard: Wenn Sie den Dokumentaristen Othmar Schmiderer auf
den Punkt bringen müssten: Was wäre da Ihr handwerkliches Credo?
Schmiderer: Vielleicht reizt es mich ja, das Unsichtbare sichtbar zu
machen – jenseits eines intellektuellen Zugangs. Bilder sind meine
Sprache, nicht Worte. Die braucht es natürlich auch in einem Dokumentarfilm,
aber da gibt es noch eine andere Ebene. Und die hat mit Zwischenräumen
und -tönen zu tun. Im toten Winkel ist dafür ein gutes Beispiel:
Hier stehen die Worte der Traudl Junge und die Brisanz des Themas im Vordergrund.
Die andere Ebene betrifft die Wandlung dieser Frau, die sich im Verlauf
des Films auf ganz subtile Weise zeigt. Ohne die formale Strenge, die
wir gewählt haben, wäre diese Wandlung wahrscheinlich nicht
in dieser Art sichtbar geworden.
Ich arbeite sehr stark aus der Intuition heraus. Ich versuche, ein Wagnis
einzugehen. Unerlässlich ist es dafür, Freiräume und Atmosphären
zu schaffen, die es dem Unvorhergesehenen gestatten zu geschehen.
Das Interview führte Claus Philipp |